Friss oder stirb! Meinungsfreiheit im Spiel – Ein Kommentar zu Goodgame Studios

Meinungsfreiheit im Spiel – um es von Anfang klarzustellen, es geht nicht um eine vermeintlich Freiheit, andere Menschen, Organisationen oder Unternehmen zu beleidigen, zu denunzieren, zu diskriminieren oder Aktionen von sogenannten Forentrollen zu billigen. All das hat nichts mit Meinungsfreiheit zu tun, gehören in keine Diskussion und sind aufs schärfste zu zensiert. Dazu sind Forenbetreiber schon alleine aufgrund der Forenhaftung angehalten.

Prolog oder der Anfang des Spannungsbogens einer unendlichen Geschichte

Eigentlich ist die Sache klar: Jeder hat das Recht, seine Meinung frei zu äußern. Schwierig ist, was das Grundgesetz nicht regelt und wie Unternehmen mit Kritik umgehen oder eben nicht.

Meinungsbildung hat bei uns einen bestimmten Zweck. Sie soll zu einer Besserung einer ungewissen Situation führen, die u.a. darüber entscheidet, ob man sich für etwas entscheidet oder eben, ob man etwas kauft oder eben nicht. Meinung ist also ein Stück Macht, die jeder von uns nutzen kann, wenn man sich mit einem Umstand oder einer Situation nicht wohlfühlt oder gewisse Entscheidungen nicht unterstützen kann. Umso sorgsamer müssen wir mit diesem fundamentalen Teil der Demokratie umgehen – Diskussionskultur ist Teil unserer Gesellschaft, und darauf können wir stolz sein.

Bei uns gibt es seit einiger Zeit eine erschreckende Entwicklung, die der Gesellschaft derzeit kein besonders gutes Zeugnis ausstellt. Wer eine Entscheidung trifft, wer etwas publiziert, wer seine Meinung sagt oder eben auch ein Produkt verkauft glaubt manchmal, dass er dafür nur Lob und Zustimmung erwarten darf. Gerade Unternehmen haben sich aber auch der Meinung Ihrer Kunden zu beugen, sei es durch Kauf/Nicht-Kauf, sei es durch die Möglichkeit, ein Produkt öffentlich zu diskutieren oder aber durch Werbung / Marketing, die in jeglicher Weise nicht unkommentiert bleibt. Einigen Unternehmen kommt noch nicht einmal der Gedanke, der Kunde könnte recht haben, sie sind beratungsresistent und beharren in ihren eigens geschaffenen Diskussionsforen mit permanenten Löschungen von Beiträgen auf Ihrer Meinung zum eigenen Produkt.

Rezensionen gerne, aber bitte nur positiv oder selbst erstellt.

Wenn das Unternehmen von seinen Produkten überzeugt ist, wozu dient dann der Austausch von Meinungen in einem öffentlich zugänglichen Medium? Die Kunden entscheiden, ob ein Produkt brauchbar ist oder nicht, es gibt Rezensionen über Produkte, die in den bekanntesten Foren einzusehen und zu bewerten sind. Unternehmen missbrauchen Rezensionen des Öfteren, um Ihr Produkt besser da stehen zu lassen als es in Wirklichkeit ist. Und die Meinungsfreiheit in Wort und Schrift wird von einigen Unternehmen zusätzlich noch unterdrückt? In einem demokratischen Land ist diese Vorstellung mehr als nur verwunderlich, sind doch Produkte die im Handel, Online oder auf dem freien Markt angeboten werden auch ein Ausdruck der eigenen Meinung eines Unternehmens: Das Unternehmen suggeriert damit, ein Produkt verkaufen zu können. Wo bleibt die Kontroverse dieser Meinung, wenn man eben von diesen Unternehmen als Community Wege der Kommunikation und der Meinungsbildung zur Verfügung stellt?

Meinungen haben immer eine unterschiedliche Güte. Besonders gut sind jene, die sich auf belegbare Fakten stützen. Fakten, die man belegen kann und auf die man aufbauen kann. Klar ist, es wird gerne auf eine strukturierte und produktive Kontroverse verzichtet, viele verwechseln inzwischen gerne Lautstärke mit Bedeutung, moralische Selbstgewissheit mit Recht haben. Schwierig ist es immer in dem Fall, wenn einige denken, es sind immer die anderen, die die Fehler machen, die anderen sind schuld daran, dass unser Produkt nicht gut ankommt. Wenn zusätzlich noch die Meinung eines Unternehmens in diversen Themen und Beiträgen bereits in Frage gestellt wurde, die Produkte nicht dem entsprechen, was man sich als Kunde vorstellt und Kunden dahingehend verprellt, dass man über Sachfragen diskutiert, die wissenschaftlich bereits eindeutig geklärt und bewiesen sind, dann bleibt einem Unternehmen nur die Wahl zwischen einer Änderung der Strategie oder der ständigen Unterdrückung der Meinung Ihrer Kunden im Bezug auf die Produkte – bis hin zur Zensierung von Kundenmeinungen, Übergehung der Meinungsfreiheit, Sperrung von Accounts und dem ewig gestrigen Denken an die gute alte Zeit, als man Schrott noch zu Gold machen konnte.

Streitkultur als Teil einer Demokratie.

Solange sich jeder Teilnehmer einer Diskussion an die gute alte Kinderstube erinnert, zuhört, verstehen will, andere ausreden lässt, bei den Fakten bleibt, sich selbst kurz fasst und auf den Punkt kommt, der macht keinen Fehler. Wer am Ende akzeptiert, sich nicht durchgesetzt zu haben, macht ebenfalls mehr richtig als falsch und ist für andere vielleicht sogar der moralische Sieger. Der Meinungsstreit verlangt, dem anderen zuzubilligen, was man selbst gerne für sich in Anspruch nehmen möchte, er fängt bei jedem einzelnen und seinem Verhalten an. Er fängt bei dem an, der anderen Menschen seine Meinung mitteilt. Er fängt da an, wo Unternehmen ein Produkt auf den Markt bringen. Er endet dort, wo jeder dem anderen zuhört, nicht zensiert.  

Demokratie ist eine Frage der Haltung, dazu gehört u.a. auch, andere Meinungen auszuhalten. Darin muss sich jeder einzelne üben, wer Angst vor einer anderen Meinung hat, der ist kein Demokrat. Wenn ein Unternehmen Angst vor der Meinung des Kunden hat, sollten sie sich allein aus demokratischer Sicht die Frage stellen, welche Werte das Unternehmen vertritt und ob sich diese Werte mit den Werten der Demokratie vereinbaren lassen.

Worum es eigentlich geht.

Es geht um einen Beitrag im Forum des Anbieters Goodgame Studios im Goodgame Big Farm Forum vom 31.08.2020:

Meinungsfreiheit im Spiel Beitrag im Forum Goodgame Big Farm
Beitrag im Forum Goodgame Big Farm

 „Abzocke“ klingt zunächst abwertend, umgangssprachlich steht es u.a. für einen „Handel mit überhöhten Preisen“. Es ist weder beleidigend, noch diffamierend oder diskriminierend. Es handelt sich nicht um eine sogenannte „Schmähkritik“, da zielgerichtet darauf hingewiesen wird, um was es dem Autor geht, eine Diffamierung einer Person steht hier nicht im Vordergrund.

Das der Begriff Abzocke hier verwendet wird, begründet sich auf viele Tatsachen, die der Realität bzw. der Wahrnehmung vieler Kunden des Unternehmens Goodgame Studios entsprechen ( vergleiche: Vom Gamer zum Spekulationsobjekt- wenn Rendite wichtiger ist als der Spieler oder Goodgame Studios – jetzt oder nie )

Um 19:42 Uhr folgte die Antwort eines Moderators und die Löschung von insgesamt zwei Beiträgen im Forum, den oben ersichtlichen und ein Beitrag eines anderen Nutzers, der leider nicht mehr per Screenshot erfasst werden konnte:

Zitat: „Hallo zusammen, wir sehen, dass die Gemüter erhitzt sind, wir haben auch durchaus Verständnis, aber bitte haltet Euch an die Community Richtlinien und achtet auf Eure Sprache!

Die nicht den Community Richtlinien entsprechenden Kommentare wurden entfernt.“ (Zitat Ende)

Die Frage nach dem Verstoß:

Community Richtlinien
Frage nach dem Verstoß gegen welche Community Richtlinien verstoßen wurde.

ist bis heute unbeantwortet. (Alle Beiträge wurden per Screenshot festgehalten)

Der Beitrag von 19:47 Uhr und ein weiteren Beitrag von 20:05 Uhr, in dem eine Aufforderung erging, die Beiträge wieder herzustellen, waren nur noch für den Autor sichtbar. Andere Nutzer konnten diese Beiträge nicht mehr lesen, was wahrscheinlich durch eine Funktion in Vanilla-Foren möglich ist, indem man Beiträge von Seiten der Moderation/Administration für andere Mitglieder des Forums unsichtbar macht. Auch hier muss man feststellen, dass man quasi unter Generalverdacht gestellt wird und sämtliche Rechte der freien Meinungsäußerung im Keim erstickt.

Am kommenden Tag meldete sich einer der Community-Manager teilte mit, dass die Beiträge nicht veröffentlicht werden. Auch hier blieb von Seiten des Betreibers eine Aufklärung, gegen welche Community-Richtlinien verstoßen wurden, aus. Stattdessen wurde der Account im Forum entgegen jeglicher Richtlinien des Nutzervertrages gesperrt:

Sperrung
Sperrung zum Forum

Klauseln und eine Feststellung des OLG München.

Betrachtet man die rechtliche Seite, so fehlt meines Erachtens nach in den Allgemeinen Geschäftsbestimmungen der Goodgame Studios die“ Konkretisierung der wechselseitigen Verpflichtung zur Rücksichtnahme auf die Rechte, Rechtsgüter und Interessen des anderen Teils (§ 241 Abs. 2 BGB) der mittelbaren Drittwirkung der Grundrechte, insbesondere des Grundrechts der Nutzer auf Meinungsfreiheit (Art. 5 Abs. 1 GG)“, da den Nutzern hier „ein öffentlicher Marktplatz für den Austausch von Informationen und Meinungen“ angeboten wird. Desweiteren ist „Eine Klausel, welche die Löschung des von einem Nutzer geposteten Beitrags wegen eines Verstoßes gegen die vom Plattformbetreiber aufgestellten „Community-Standards“ in das Ermessen des Plattformbetreibers stellt, gemäß § 307 Abs. 1 BGB unwirksam. Vielmehr hat der Nutzer einen Anspruch darauf, dass eine zulässige Meinungsäußerung nicht gegen seinen Willen von der Plattform entfernt wird. Da diese Klausel explizit in den Richtlinien vorhanden ist, in diesem Falle aber strikt gegen letztere Feststellungen des OLG München, Beschluss v. 17.07.2018 – 18 W 858/18 gehandelt wurde, ist hier von einem Verstoß gegen die eigens aufgestellten Vertragsbedingungen auszugehen.  

Zusammenfassend:

Einem sozialen Netzwerk mag es zuzugestehen sein, gegen sog. Hassbotschaften vorzugehen, deren Vorliegen anhand objektiver Kriterien bestimmt werden kann. Darüberhinausgehende Eingriffe in die Meinungsfreiheit der Nutzer sind hingegen unzulässig.
(Quelle: Kein virtuelles Hausrecht zulasten der Meinungsfreiheit)

Müssen hier politische Akzente gesetzt werden?

Wäre es an der Zeit, politische Akzente zu setzen? Parteiübergreifend stehen ausgesprochene Sätze wie „Jeder, den ich kenne in der CDU, oder jede, setzt sich für Meinungsfreiheit als ein Grundprinzip ein“ (Angela Merkel, 28.05.2019 dpa), „Die SPD-Bundestagsfraktion begrüßt diese Entscheidung und fordert Twitter auf, die Praxis der oft willkürlichen und nicht nachvollziehbaren Sperrungen zu beenden und die Meinungsfreiheit zu wahren.“ (SPD-Fraktion, 26.06.2019 Pressemitteilung der SPD-Fraktion), “Wir machen uns damit das freie Internet kaputt, schränken die Meinungsfreiheit ein und zensieren. Wir sollten aber Vorbild in Sachen Meinungs- und Informationsfreiheit sein in Deutschland und Europa” (Nicola Beer, FDP, 26.05.2019, Demonstration Leipzig (Quelle: https://www.pscp.tv/w/1nAKEypYQZAKL?t=9), „Also reden wir über Meinungsfreiheit. Was ist das? Meinungsfreiheit ist das Recht, seine Meinung zu bilden und zu äußern. Sie umfasst aber nicht das Recht, andere zu beleidigen und zu bedrohen. Sie umfasst nicht das Recht, andere an der Äußerung ihrer Meinung zu hindern durch Nötigung oder Drohung. Sie umfasst aber auch nicht den Anspruch, dass einem gefälligst nicht widersprochen wird.“ (Dr. Manuela Rottmann, Die Grünen, 23.10.2019, Rede im Bundestag).Worten müssen Taten folgen, in welcher Art und Weise auch immer.

Auch in der Rechtssprechung gibt es so unterschiedliche Urteile wie es Meiningen über die Meinungsfreiheit gibt. Eine klare Linie, Hass, Diskriminierung und Beleidigungen zu verurteilen, kritische Meinungen, die nicht auf oben genannte Punkte basieren als freies Gedankengut eines jeden einzelnen in allen Diskussionen zuzulassen und damit die Werte der Freiheit dieses Landes ein für alle Mal zu untermauern.

Schließt den Laden, wenn ihr unsere Meinungen nicht akzeptiert.

Ist man als Unternehmen grundsätzlich willens, ein adäquates Produkt zu einem vernünftigen Preis anzubieten, so muss sich m.E.n. kein Unternehmen davor fürchten, negative Kritiken in Ihrer Community zu erhalten. Ganz im Gegenteil, man kann sich an den Kommentaren, der Diskussion und den Kunden erfreuen und hat nichts mit Meinungsbeschränkenden Aktionen am Hut.

Fällt ein Unternehmen aber schon mehrfach durch überteuerte Preise, mangelhafte Updates mit Fehlern im oder am Produkt auf, so muss man sich als Vertreter des Unternehmens nicht über  Worte wie „Abzocke“ wundern. Kunden sind dazu da, den Unternehmen ihre Arbeit zu vergüten, sie erwarten Leistungsstandards  und akzeptable Preise, ein ausgewogenes Verhältnis aus Preis und Leistung. Kunden sind aber nicht die Melkmaschinen eines Unternehmens, das positive Bewertungen Ihrer Produkte gewinnbringend ausschlachtet, Kritik am Produkt aber in Gänze unterbindet.

Ist man nicht bereit, beide Meinungen zu akzeptieren, dann sollte man die öffentlichen Kommunikationsplattformen der Community schließen. Dies liegt aber gar nicht im Interesse des Unternehmens, da ein wichtiger Zweig der Kundenwerbung entfällt: Die objektive Einschätzung eines neutralen Kunden. Ein kostbares Gut, wenn die Leistung stimmt.

Wer Meinungen unterbindet, hat ein schlechtes Gewissen oder etwas zu verbergen.

Es gibt immer Gründe, wenn Unternehmen ihren Kunden bei Kritik an den Produkten einen Maulkorb verpassen, diese Gründe sind so einfach nachvollziehbar, dass man niemanden mit der Nase darauf stoßen muss. Wenn dieser Beitrag zur Meinungsfreiheit in Internetforen die mangelnde Kritikfähigkeit der Goodgame Studios allen Lesern aufzeigt, wem sie ihr hart verdientes Geld in den Rachen werfen, dann habe ich damit zumindest einen Teilerfolg erzielt. Seine Meinung sollte man immer teilen, man steht mit einer Meinung nie alleine. Alleine im Regen stehen zu gegebenem Zeitpunkt diejenigen, die Ihre nicht vorhandenen Werte bis zum moralischen Abgrund und darüber hinaus verteidigen. Man hätte sich den Artikel sicher auch sparen können, die Hoffnung stirbt bekanntlich aber zum Schluss.


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