Vom Gamer zum Spekulationsobjekt – wenn Rendite wichtiger ist als der Spieler. Goodgame Studios. (Update 23/05/20)

Die eigentlichen Inhalte einer Spieleschmiede sind Entwicklung, Design und Spielkonzept. Die Kreativität der Entwickler und die Ideen der Designer machen gute Spiele aus, so auch Goodgame Empire in den Anfangsjahren. Mit dem Aufkauf der Goodgame Studios durch das börsennotierte Unternehmen Stillfront aus Schweden geraten die eigentlichen Handwerkskünste der Entwickler in den Hintergrund.

Nicht die Lust auf neue, ideenreiche Konzepte und innovative Spielinhalt bestimmen den Alltag des Studios, es ist die Befriedigung einer kleinen Gruppe von Investoren, die nicht nur ihre 12% Rendite am Ende des Jahres auf dem Konto sehen möchten, sie wollen Gewissheit, dass der Geldsegen auch die kommenden Jahre ihre Taschen füllt.  Angeheizt durch immer mehr Wahn nach Macht und Reichtum werden Studios, die entwickelten Spiele und letztendlich auch die Spieler zu Spekulationsobjekten einer phantasielosen Managementclique und deren Helferhelfern.

Die Spekulanten spielen am Aktienmarkt mit dem Hobby anderer Leute, den Spielern. Sie haben meist kein Eigeninteresse an der Sache, sie möchten die bestmögliche Rendite. Die kreativen Ideen und künstlerisch wertvollen Innovationen einer ganzen Branche werden ignoriert. All das sieht man bei Goodgame Empire, seit einem Jahr eben Teil dieses Spekulationsobjektes aus Schweden. Das die Entwickler ihre Leidenschaft am Produkt, ja am Beruf, gänzlich verlieren wird Ihnen mit teils beachtlichen Gehältern und Prämien leicht gemacht.

Aber wo ist der Sinn dahinter, seinen gesamten Berufsstand zu hintergehen, sich Spekulanten um den Hals zu werfen? Wo ist der Sinn hinter dieser Entwicklung?

Der Spaß an der Arbeit dürfte sich bei eben diesen Entwicklern in Grenzen halten, da der Druck der Spieler, der Druck der CEOs und CFOs und natürlich der Spekulanten einen immensen Negativeffekt auf die Kreativität und Leistungsfähigkeit dieser Personen hat. Wenn aber schon der Entwickler keinen Spaß an der Arbeit hat, wird der Spieler erst recht keinen Spaß haben. Mangelhafte Qualität der Produkte und Updates, dahin gehunztes Design und schlechtes Communitymanagement bringen das Fass zum Überlaufen. Die Preise aber steigen, schließlich soll trotz Rückgang der Spielerzahlen eine höhere Umsatzrendite erzielt werden.

Oben genanntes trifft insbesondere auch auf die Goodgame Studios zu, die eben genau vor diesem Dilemma stehen und sich entschieden haben, für Anleger und Renditejäger zu prostituieren. Der Spieler (Kunde) ist uninteressant, solange die Gelder fließen. Mehr als 20% weniger Nutzeraktivität wie im Sektor Empire der Goodgame Studios müssen durch anziehen der Preise ausgeglichen werden. Fatal, da das Spiel an sich eine Art Hobby ist, so wie Golfspielen oder Bücher lesen.

Stellt man sich einen Golfclub als Aktiengesellschaft vor, dürften die Preise der Mitgliedschaft innerhalb von wenigen Jahren in die Höhe schießen, da Rendite nur über steigende Mitgliedsbeiträge oder neue Mitglieder zustande kommt. Da zu jeder Zeit nur eine gewisse Anzahl Spieler auf den Bahnen spielen können, wäre der Anbau eines weiteren Platzes die beste Voraussetzung, die Rendite Jahr für Jahr zu steigern. Illusorisch. Im Bezug auf das Thema Lesen wäre der Verlag unter der Voraussetzung einer jährlich steigenden Umsatzrendite dazu verpflichtet, ihren Angehörigen Autoren nahezulegen, doch bitte 5 statt 2 Bücher im Jahr zu schreiben, um den Anforderungen der Anleger gerecht zu werden. Seien wir ehrlich, die Qualität des Lesestoffs dürfte nicht gerade besser werden.

Zurück zur Rendite im Hobbysegment, fällt vielleicht jedem eine weitere Sportart ein, in der gerade alles zu Geld gemacht wird was nicht bei drei auf dem Baum ist: Dem Profifußball. Merkwürdigerweise werden die Vereine an sich, also der Breitensport, nicht in die Aktiengesellschaften integriert, und das hat auch einen guten Grund. Auch hier wäre es fatal, die Hobbygesellschaft unter die Fuchtel von Anlegern und Renditejägern zu stellen. Was die Ausgliederung der Profivereine aus dem Gesamtverein für Auswirkungen hat, liest oder hört man fast täglich in den Medien. Steigende Eintrittspreise, steigende Kosten der Verpflegung, aus allem wird das letzte bisschen Geld herausgequetscht. Die Kultur – hier Fankultur – bleibt auf der Strecke.

Zurück zu Goodgame Empire, Goodgame Studios, Ihrer Muttergesellschaft Stillfront und deren Anlegern. Dieses Modell kann so nicht funktionieren, da Spiele ein Hobby sind und kein Spekulationsobjekt, mit dem andere Personen wiederum spielen. Es kann funktionieren, aber man darf nicht übertreiben. Was bei den Goodgame Studios und Stillfront derzeit passiert kann aber so definitiv nicht gut gehen, da die Basis dieses Hobbyprojektes inzwischen komplett zusammen schrumpft.

Dieser Prozess begann im Übrigen schon mit der Verpflichtung einer neuen Studioleitung im Jahre 2016, Frau Nina Müller. Anfangs noch gern gesehener Gast im Forum und mit einem Hauch von Hoffnung von den Usern aufgenommen machte sich bereits kurze Zeit später Ernüchterung breit. Die angepriesene Ankündigung, sich mit der Community auseinanderzusetzen währte ganze 11 Monate: Um die Kommunikation zwischen Hamburg und euch allen weiter zu verbessern, werde ich mich ab sofort häufiger im Forum herumtreiben. Gelesen habe ich wie viele andere meiner Kollegen natürlich vorher schon fleißig, in Zukunft wollen wir aber auch direkter mit euch ins Gespräch kommen, schneller Antworten geben und euch (und die fleißigen Mods) mit den Informationen versorgen, die euch unter den Nägeln brennen. Wir arbeiten daran nach dem der positiven Beispiel unserer QA auch weitere Teamkollegen nach und nach näher an die Community zu bringen. (Quelle: https://community.goodgamestudios.com/empire/de/discussion/327888/das-imperium-schlaegt-zurueck/p1)

Seit Ende 2017 kein Beitrag mehr im offiziellen Goodgame Empire Forum, seit März 2019 gar kein Interesse mehr an Feedback und nie wieder im Forum aufgetaucht.

Goodgame Stdudios vom Gamer zum Spekulationsobjekt
Quelle: https://community.goodgamestudios.com/empire/de/

Ein Satz aus einem Interview im Jahre 2015 blieb aber schon damals in bester Erinnerung: Da wir im Free-2-Play-Bereich agieren, ist es außerdem sehr wichtig, eine gute Balance zwischen zufriedener Community und effektiver Monetarisierung zu finden, denn wir glauben, dass sich anhaltend hoher Spielspaß und erfolgreiche Monetarisierung nicht ausschließen müssen!

Was von dieser These übrig blieb, das ist definitiv die Monetarisierung. Alles andere – von der Kommunikation über den Spielspaß bis hin zur guten Qualität – blieb auf der Strecke und wurde in einem Karton unter den Katakomben des Studiogeländes der Goodgame Studios in Hamburg vergraben.

Aber – wie schon in einem weiteren Beitrag erwähnt – so geht die Rechnung nicht auf. Der Ruf eines Unternehmens ist gerade in einer kreativen Branche wie der Spieleindustrie enorm wichtig. Am Anfang gehypt, über Massenentlassungen gestolpert, Weitergabe von internen Informationen über Mitarbeiter an einzelne Clans, der Absage zur Gründung eines Betriebsrates bis hin zu schlechten Updates, Null Kommunikation, vollkommen überzogene Preise für Ingame-Käufe und der permanenten Entwertung von Objekten und Spieleitems ist der Ruf inzwischen weitestgehend bei Null angelangt. Unschwer zu erkennen an Bewertungen neuer Spiele, in denen teils schon am ersten Tag von Wucher, Abzocke, misslungener Programmierarbeit und fehlendem Balancing die Rede ist.

Quelle:
https://play.google.com/store/apps/details?id=com.goodgamestudios.ageofknights&hl=de

Es ist mittlerweile soweit fortgeschritten, dass Abgänge der Spieler nur noch durch überteuerte und fast monatlich erscheinende Ingame-Produkte über eine kleine Anzahl Kunden finanziert werden, die Mittelschicht der Käufer, die für dieses Hobby etwa 50-100 Euro ausgeben, diese Mittelschicht ist so gut wie verwunden. Rausgeekelt, weggeworfen, an Investoren verkauft.

Dazu gibt inzwischen an die 100 Spieler, deren Accounts wegen nicht erbrachter Zahlungen gesperrt wurden. In einem Spiel, in dem es keine Limits nach oben gibt, die Kreditkarte glüht und der Rahmen zu jeder Zeit um das vielfache des eigenen Einkommens gesprengt werden kann geraten Personen wegen eines Hobbys in finanzielle Schieflage, um eben mit den Besten in ihrer jeweiligen Allianz mithalten zu können. Das Spiel hat eine Altersfreigabe von 6 Jahren, wieviele Jugendliche unter denjenigen sind, die hier zu Ausgaben von hunderten Euro verführt und bei Nichtzahlung gesperrt wurden, ist nicht abzuschätzen. Die Verantwortlichen der Goodgame Studios nehmen in jeglicher Hinsicht derartige Umstände wissentlich und billigend in Kauf, ohne auch nur einen Hauch von Anstand und Rücksicht diesbezüglich zu legen. Kauflimits gibt es nicht, um ja nicht den Geldfluss zum Wohle der Anleger zu stören. Eine Schande sondersgleichen für eine Branche, die im eigentlichen Sinne zur Unterhaltung und zum Spaß ihres Klientels geboren wurde.

Wer Spiele entwickelt, aber mit dem Hobby der Spieler spielt, der hat in der Welt der Spiele, der Kreativität, der Spielideen, der Verzauberung eigentlich nichts zu suchen.

Update vom 23.05.2020: Vom Gamer zum Spekulationsobjekt – wenn Rendite wichtiger ist als der Spieler. Goodgame Studios.

Quelle: www.gameswirtschaft.de

Gerade erst gestern und mehr als dem Zufall geschuldet befasst sich eine Kolumne mit dem Thema Games – Aktiengesellschaften – Renditeobjekte.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass deutschlandweite Versuche, frisches Kapital zu generieren, meist nach nur kurzer Zeit gescheitert sind. Als Beispiel wurden hier allgemein bekannte Studios genannt:

CDV
Phenomedia
Jawood

Alle erfuhren das gleiche Schicksal, wobei es scheinbar Unterschiede bei der Symptomatik gab. Zitat:

Was allerdings oft nur für ein winziges Zeitfenster rund um den Börsengang eine gute Idee war. Die Unternehmen brachen unter dem Quartalszahlen-Druck röchelnd zusammen und schlitterten zügig in die Insolvenz – aus sehr unterschiedlichen Gründen: oft Missmanagement, zuweilen Selbstüberschätzung und spätrömische Dekadenz, im Einzelfall aber auch Bilanzfälschung, Kreditbetrug und Untreue.”

Eine Mischung aus den genannten Punkten kann man auch Goodgame Studios bescheinigen, derzeit sieht es nach einem Mix aus Missmanagement und spätrömischer Dekandenz aus. Das alles zeigt auf, unter welchem Druck diejenigen Spieleschmieden stehen, die am Ende des Jahres mehr damit beschäftigt sind die Anleger zufriedenzustellen, statt wie ursprünglich angedacht den Spielern eine vernünftig bespielbare, vom Preis zumutbare und frei von Ungeziefer bestehende Spielfreude zu bereiten.

Vielen Dank für diesen Artikel der wiederum zeigt, dass von uns geschriebenes irgendwo einen realen Bezug hat und nicht weit entfernt von der Realität – in diesem Fall der Vergangenheit – ist.

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